- Guaiana+Friends
- Posts
- Newsletter N° 4
Newsletter N° 4
Wie Lernen beginnt, wenn die Karte nicht mehr stimmt.

Hallo zusammen,
ich hoffe, ihr hattet einen guten Sommer und habt mich vielleicht ein kleines bisschen vermisst 😉.
Wir steuern mit großen Schritten auf die dunklere, kältere Jahreszeit zu. Für mich ist das oft auch eine Zeit, etwas langsamer zu werden: zurückzuschauen und das Kommende in den Blick zu nehmen. Passend zur Jahreszeit geht es daher diesmal um Orientierung, Wahrnehmung und um die feinen Unterschiede zwischen schnellem und langsamem Denken.
Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen und freue mich, wie immer, von euch zu hören.
Wie sehr prägt unsere Wahrnehmung unsere Wirklichkeit? Vor vielen Jahren, während eines Abschnitts meiner NLP-Ausbildung bei Robert Dilts an der University of Berkeley, begegnete ich erstmals intensiver der Frage nach Perspektive und ihren Folgen. Ein Thema, das mich seither begleitet.
Heute fragen Forscher nicht mehr, ob, sondern wie sehr unsere Wahrnehmung die Welt formt, die wir erleben. Vielleicht liegt darin die eigentliche Frage für uns: Wenn wir die Welt immer nur durch unsere eigene Brille sehen, was heißt das für alles, was wir verstehen oder verändern wollen?
„The map is not the territory.“ Alfred Korzybski formulierte das schon in den 1930er-Jahren. Unsere mentale Landkarte ist gezeichnet aus Erfahrung, Sprache, Kultur und aus dem, was uns beigebracht wurde. Doch was, wenn diese Karte unvollständig ist?Oder schlicht zu „alt“, um uns auf neuen Wegen sicher zu führen?

Beim Kartenlesen mit Hilfe von ChatGPT
Bleiben wir vielleicht deshalb oft auf vertrauten Pfaden, nicht weil sie richtig, sondern weil sie bekannt sind? Richtig meint hier: richtig im Sinne unserer eigenen Ziele.
Unser Gehirn liebt Vorhersagbarkeit, sie ist effizient. Jede Überraschung kostet Energie, jede Irritation zwingt zum Neudenken. Es gleicht fortwährend ab, ob die Welt zu dem passt, was es gelernt, gespeichert und erwartet hat. Wie oft passiert es, fast unbemerkt, dass wir Abweichungen einfach übersehen? Oder gar nicht erst zu „sehen“ bekommen?
Das erklärt, warum wir so häufig nur das wahrnehmen, was wir ohnehin schon glauben – eine Art selbsterfüllende Prophezeiung.
Umso spannender wird die Frage, was nötig ist, um diesen Kreislauf zu stören. Eine der wirksamsten Möglichkeiten dafür ist Lernen, nicht als Ansammlung von Wissen, sondern als bewusste Irritation. Lernen darf - und manchmal muss es - stören. Denn wirkliche Veränderung beginnt selten bequem.
Lernen ist bestenfalls der Moment, in dem unsere gewohnte Ordnung ins Wanken gerät, eben diese kleine Störung im System, die uns zwingt, anders hinzuschauen. Daniel Kahneman unterschied zwischen schnellem und langsamem Denken. Das eine reagiert automatisch, das andere beobachtet, prüft und zweifelt.
Vielleicht beginnt Lernen und Veränderung genau dort, wo das langsame Denken wieder die Führung übernimmt. Wo wir uns selbst beim Denken beobachten und unseren Programmen auf die Schliche kommen. Eine wilde Forderung in Zeiten, in denen „keine Zeit“ eigentlich immer ist.
Man könnte auch sagen:
Wir alle starten mit einer Landkarte, die andere für uns gezeichnet haben, Eltern, Lehrer, Vorbilder, Gesellschaft. Sie hilft uns, uns auf den Weg zu machen. Aber idealerweise beginnen wir auf dem Weg, diese Karte zu ergänzen, zu korrigieren oder ganz neu zu zeichnen. In diesem Prozess verbinden sich Lernen, Komfortzone und langsames Denken zu Werkzeugen die uns nicht nur in unserer Entwicklung voranbringen, sondern uns helfen, mehr zu dem oder der zu werden, der oder die wir tatsächlich sind, sein könnten oder sein wollen.
Also - was wollen wir?
In diesem Sinne
herzlich

Antonio
P.S.: Für den Fall, dass wir uns vor den Feiertagen nicht mehr lesen: Ich wünsche Euch einen stillen Moment zum Durchatmen und einen guten Start in das, was kommt.